Haarausfall gehört zu den Nebenwirkungen, über die in der GLP-1-Community immer wieder berichtet wird. Besonders nach einer größeren oder schnellen Gewichtsabnahme bemerken manche, dass plötzlich deutlich mehr Haare in der Bürste oder beim Waschen ausfallen.
Eine neue große Studie, die im British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht wurde, liefert nun weitere Hinweise darauf, dass Haarausfall während einer Behandlung mit GLP-1-Medikamenten tatsächlich etwas häufiger auftreten kann. Die entscheidende Frage bleibt allerdings offen: Liegt es am Wirkstoff selbst – oder vor allem an der starken Gewichtsabnahme?
Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick
- In der neuen Studie wurde Haarausfall unter GLP-1 häufiger diagnostiziert als unter zwei anderen Gruppen von Diabetesmedikamenten.
- Der Unterschied war in absoluten Zahlen klein: Innerhalb eines Jahres wurde bei weniger als 1 % der untersuchten Personen Haarausfall neu diagnostiziert.
- Auch aus den großen Studien zu Wegovy und Tirzepatid ist Haarausfall bereits bekannt: Bei Semaglutid 2,4 mg wurde er bei 3,3 %, bei Tirzepatid in den europäischen SURMOUNT-Daten bei 4,9 % der Teilnehmenden berichtet. In den jeweiligen Placebogruppen waren es etwa 1 %.
- Häufig diskutiert wird ein sogenanntes Telogen-Effluvium. Dabei werden die Haarwurzeln nicht zerstört, sondern ungewöhnlich viele Haare wechseln gleichzeitig in ihre Ruhephase und fallen einige Wochen oder Monate später aus.
- Eine mögliche Erklärung ist die schnelle oder starke Gewichtsabnahme. Auch eine deutlich verringerte Kalorien- und Nährstoffaufnahme kann dabei eine Rolle spielen.
- Bisher ist nicht bewiesen, dass GLP-1-Medikamente den Haarfollikel direkt schädigen.
Was hat die neue Studie untersucht?
Forscher der University of Pennsylvania werteten Gesundheitsdaten von Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes aus, die zwischen 2019 und 2024 eine neue medikamentöse Behandlung begonnen hatten.
Verglichen wurden Menschen, die GLP-1-Medikamente wie Semaglutid, Liraglutid oder Tirzepatid erhielten, mit Menschen, die andere moderne Diabetesmedikamente einnahmen.
Dabei zeigte sich: In der GLP-1-Gruppe wurde Haarausfall etwas häufiger neu diagnostiziert.
In der wissenschaftlichen Auswertung sprechen die Forscher von einem 37 beziehungsweise 68 % höheren relativen Risiko, je nachdem, mit welcher Medikamentengruppe GLP-1 verglichen wurde.
Das klingt zunächst sehr viel dramatischer, als es tatsächlich ist.
Denn diese Prozentzahlen bedeuten nicht, dass 37 oder 68 % der GLP-1-Anwender Haarausfall bekommen.
Vereinfacht gesagt: Von 1.000 Menschen wären innerhalb eines Jahres ungefähr 6 bis 7 von einer neuen Haarausfall-Diagnose betroffen. Bei den Vergleichsgruppen wären es ungefähr 4 bis 5 beziehungsweise 4 von 1.000.
Es geht also um einen Unterschied von ungefähr 2 bis 3 zusätzlichen Diagnosen pro 1.000 Menschen innerhalb eines Jahres.
Das ist statistisch relevant, aber das tatsächliche Risiko bleibt niedrig.
Interessant ist vor allem die Art des Haarausfalls
Besonders häufig zeigte sich in den Daten ein sogenannter nicht-vernarbender Haarausfall.
Das bedeutet: Die Haarfollikel werden dabei nicht dauerhaft zerstört.
Eine mögliche Form davon ist das Telogen-Effluvium. Dabei wechseln ungewöhnlich viele Haare gleichzeitig aus der Wachstumsphase in die Ruhephase. Erst einige Zeit später beginnen diese Haare auszufallen.
Genau deshalb kann es passieren, dass jemand während einer starken Gewichtsabnahme zunächst überhaupt nichts an den Haaren bemerkt – und der verstärkte Haarausfall erst zwei bis drei Monate später beginnt.
Telogen-Effluvium ist kein neues Phänomen und nicht speziell auf GLP-1 beschränkt. Es kann beispielsweise nach starkem körperlichem Stress, Erkrankungen, Operationen, sehr schneller Gewichtsabnahme oder ausgeprägter Einschränkung der Energiezufuhr auftreten.
Ist GLP-1 selbst die Ursache?
Das ist derzeit die wichtigste offene Frage.
Die neue Studie zeigt einen Zusammenhang, kann aber nicht beweisen, dass GLP-1-Medikamente den Haarausfall direkt verursachen.
Dafür gibt es eine naheliegende alternative Erklärung: Menschen können mit GLP-1 und insbesondere mit Tirzepatid oder hoch dosiertem Semaglutid erheblich an Gewicht verlieren. Gleichzeitig essen manche während der Behandlung deutlich weniger.
Beides kann für den Körper eine große Veränderung darstellen.
Auch die Daten aus den Zulassungsstudien passen dazu.
Bei Semaglutid 2,4 mg wurde Haarausfall bei 3,3 % der Behandelten gegenüber 1 % unter Placebo berichtet. Die Zulassungsinformationen weisen darauf hin, dass Haarausfall häufiger bei größerem Gewichtsverlust beobachtet wurde.
Bei Tirzepatid wurde Haarausfall in den europäischen SURMOUNT-Studien bei 4,9 % gegenüber 1 % unter Placebo berichtet. Die Ereignisse waren überwiegend mild. Laut Fachinformation erholte sich die Mehrheit der Betroffenen, obwohl die Behandlung fortgeführt wurde.
Das spricht zumindest dafür, dass der Haarverlust in vielen Fällen nicht dauerhaft sein muss.
Was könnte hinter dem Haarausfall stecken?
Der aktuelle Forschungsstand spricht eher gegen eine einzige Ursache.
Diskutiert werden vor allem:
- schnelle oder sehr starke Gewichtsabnahme
- deutlich verringerte Energieaufnahme
- zu geringe Proteinaufnahme
- mögliche Nährstoffmängel, beispielsweise Eisenmangel
- Telogen-Effluvium als Reaktion des Körpers auf die Gewichtsveränderung
- ein bereits vorhandener erblich bedingter Haarausfall, der durch ein zusätzliches Telogen-Effluvium stärker sichtbar wird
- möglicherweise auch ein direkter Einfluss der Medikamente auf den Haarzyklus – dafür gibt es bisher allerdings keinen überzeugenden Nachweis
Das Signal zeigt sich inzwischen in mehreren Untersuchungen
Die BMJ-Studie steht mittlerweile nicht mehr allein.
Eine 2026 veröffentlichte Auswertung von neun klinischen Studien mit insgesamt mehr als 4.100 GLP-1-Anwendern kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Haarausfall unter GLP-1 häufiger berichtet wurde als in den jeweiligen Kontrollgruppen.
Auch große Auswertungen von Gesundheitsdaten finden inzwischen Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen GLP-1-Behandlungen und bestimmten Formen von nicht-vernarbendem Haarausfall.
Damit verdichtet sich die wissenschaftliche Evidenz dafür, dass Haarausfall während einer GLP-1-Behandlung tatsächlich häufiger vorkommen kann.
Noch nicht geklärt ist aber, warum.
Was bedeutet das für GLP-1-Anwender?
Wer während einer größeren Gewichtsabnahme plötzlich vermehrt Haare verliert, sollte nicht automatisch davon ausgehen, dass die Haarwurzeln durch Mounjaro, Wegovy oder einen anderen GLP-1-Wirkstoff geschädigt wurden.
Gerade ein Telogen-Effluvium ist grundsätzlich reversibel. Sobald der Auslöser nicht mehr besteht, kann sich der normale Haarzyklus wieder stabilisieren. Das braucht allerdings Zeit, weil Haare langsam wachsen.
Gleichzeitig sollte stärkerer oder länger anhaltender Haarausfall nicht einfach als „GLP-1-Nebenwirkung“ abgehakt werden. Auch Eisenmangel, Schilddrüsenerkrankungen, andere Nährstoffmängel, hormonelle Veränderungen oder verschiedene Formen der Alopezie können dahinterstecken und sollten medizinisch abgeklärt werden.
Und auch wenn im Internet zahlreiche Produkte speziell gegen „GLP-1-Haarausfall“ angeboten werden: Für Biotin-Gummis, spezielle Hair-Supplements oder ähnliche Präparate gibt es bisher keinen Nachweis, dass sie einen durch GLP-1 oder Gewichtsverlust ausgelösten Haarausfall zuverlässig verhindern können.
Fazit
Die neuen Daten bestätigen, was viele GLP-1-Anwender bereits aus eigener Erfahrung berichten: Haarausfall kann während einer GLP-1-Behandlung auftreten und scheint etwas häufiger vorzukommen als bei vergleichbaren Patientengruppen.
Haarausfall wurde unter GLP-1 häufiger diagnostiziert. Insgesamt trat eine neue Haarausfall-Diagnose jedoch bei weniger als 1 % der untersuchten Personen innerhalb eines Jahres auf.
Noch wichtiger: Bis heute ist nicht geklärt, ob GLP-1-Medikamente selbst die Ursache sind. Vieles spricht dafür, dass zumindest ein Teil der Fälle mit schneller Gewichtsabnahme, deutlich geringerer Nahrungsaufnahme und einem vorübergehend veränderten Haarzyklus zusammenhängt.
Die bisher verfügbaren Daten geben außerdem keinen Hinweis darauf, dass GLP-1 grundsätzlich die Haarwurzeln zerstört. Gerade der häufig diskutierte diffuse Haarverlust kann vorübergehend sein und sich wieder normalisieren.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.
Quellen
- Tang H. et al.: Studie zum Risiko von Haarausfall unter GLP-1-Rezeptoragonisten bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes, The BMJ, 2026
- Gupta A.K. et al.: Übersichtsarbeit zu GLP-1-Therapien und Haarausfall, 2026
- Cheng P.L. et al.: Systematic Review and Meta-Analysis zu Haarausfall unter GLP-1-Therapien, 2026
- Europäische bzw. behördliche Produktinformationen zu Tirzepatid und Semaglutid
- Kang D.H. et al.: Untersuchung zu Telogen-Effluvium nach Gewichtsverlust, Annals of Dermatology, 2024









